Magazin - Jungs - Coming - Out

Das Coming- Out ist immer anders, hier findest du ein paar Berichte, wie Jungs von uns Ihr Coming- Out erlebt haben....

Marcel (17 J.)

Jede Lesbe, Schwuler oder Bisexueller muss sich seiner eigenen gleichgeschlechtlichen Empfindungen irgendwann mal Bewusst werden und dies gegebenenfalls dem näheren sozialen Umfeld mitteilen. Ich habe diesen Individuellen Prozess im Alter von 15 Jahren durchlebt. Damals besuchte ich die 10. Klasse einer Gesamtschule, in demselben Jahrgang befand sich auch mein Zwillingsbruder, deswegen habe ich es eigentlich nie gewollt, dass es jemanden bewusst werden könnte, dass ich Schwul bin. Ich wollte es vermeiden, dass irgendjemand aus meiner Familie davon etwas erfährt.

Den Mädchen in meiner damaligen Klasse war es am ehesten bewusst, dass ich mich zum männlichen Geschlecht hingezogen fühle. Ich verbrachte meine Pausen meist nur mit den Mädchen und mit Jungs hatte ich eher weniger zu tun, obwohl ich ständig über sie redete.
Doch immer wenn mich jemand drauf angesprochen hat ob ich Schwul sei oder wieso ich nur mit Mädels meine Pausen verbringe habe ich nur gegrinst und ging nicht weiter auf die Fragen ein. Zur damaligen Zeit war mir dieses Thema noch recht unangenehm und ich wusste nicht was passieren würde, wenn auf einmal herauskommen würde das ich auf Jungs stehe statt auf Mädchen wie die meisten in meinem Alter. Doch ich wollte mich auch nicht mehr länger verstecken und so tun als sei ich Heterosexuell nur damit man mich für einen „Normalen“ Jungen hält. Ich wollte jegliche Art von Abgrenzungen zu den anderen Jungs im Jahrgang vermeiden.

Doch irgendwann ist mir bewusst geworden das es nicht ewig so weiter gehen kann und das ich mich diesem Problem stellen muss. Ich kann nicht vor meinen Problemen weg rennen und hoffen das sie mich nicht mehr einholen – was ja eh unmöglich wäre. Von daher stand dann damals im Alter von 15 Jahren für mich fest das es an der Zeit sei, sich zu outen und sich nicht mehr zu verstecken und die bis dahin aufgesetzt Fassade endlich fallen lassen.
Doch wie sollte ich es anstellen??? Ich kann ja nicht einfach zu jedem hingehen und sagen: “Hey ich bin Schwul“. Doch wie von selbst wurde mir dieses Problem genommen, denn ich würde auf einen Geburtstag eingeladen und fühlte mich in der Gesellschaft recht wohl.
Eine gute Freundin die ihren Geburtstag feierte lud mehrere Jungs ein was mich natürlich freute.

Auf jeden Fall gab es auf der Feier einen sogenannten „Alex“. In diesen hatte ich mich förmlich verschossen. Mein Blick wendete sich immer wieder IHM zu, ich könnte gar nicht aufhören in anzuschauen. Daraufhin sprach ich mit der Freundin von mir und habe ihr gesagt was ich für den „Alex“ empfinde. Sie war nicht sonderlich verblüfft, denn innerlich war ihr bewusst, dass ich Schwul sei, deswegen wusste ich auch, dass ich mit ihr darüber reden kann. Doch der Abend würde immer länger und der Alkohol nahm zu. An diesem Abend sind wir zu einem Punkt gekommen wo sich die Gespräche nur noch um Jungs drehten. Ich wurde zu diesem Thema auch gefragt und sollte meine Meinung dazu äußern.

Ich wurde „Knallrot“ ich wusste nicht soll ich jetzt ehrlich sein und mich outen oder soll ich weiterhin meine „Fassade“ tragen??? Ich entschloss mich dazu mich zu outen und dazu zu stehen das ich auf Jungs stehe. Die Mädchen amüsierten sich wollten doch schon alle von ihnen einen Schwulen Freund haben. Doch die Jungs fühlten sich von mir gleich angemacht und suchten das Weite.

Diese Nachricht hat sich dann im Jahrgang wie ein Lauffeuer verbreitet. Nicht mal eine Woche hat es gedauert bis sämtliche Schüler dieser Schule es wussten und mich immer wieder fragten ob ich wirklich Schwul bin. Jedes mal habe ich dem zugestimmt. Seit diesem Tag genieße ich mein Leben und muss mich nicht mehr verstecken, sondern bin völlig frei und glücklich.

Thomas (18 J.)

Mein Coming-Out bei meinen Eltern lief wie folgt ab:
Erst einmal fing es damit an, dass ich in meinem Englisch-LK, der in Kooperation mit einer anderen Schule stattfand jemanden getroffen hatte, bei dem ich von Funkyboys.com wusste, dass er auch schwul war. Ich habe ihn daraufhin angesprochen und wir kamen ins Gespräch in dem er mich auch fragte, ob ich nicht einmal Lust hätte, in ein Jugendzentrum für Schwule und Lesben – das „enterpride“ – zu gehen. Es sei dort eine bunte und lustige Runde, in der man sowohl viel Spaß haben kann, als auch ernste und hilfreiche Gespräche führen kann.
Ich wollte es tun. Das Problem nur: was sage ich meinen Eltern, wo ich hingehe? Die nächsten Wochen waren es immer meine Freunde, die als Alibi für meine Besuche im enterpride hinhalten musste. Aber schon allein wegen dieser Lügerei fand ich ein Coming-Out mehr als angemessen. Hinzu kam, dass ich in diesem Jugendzentrum auch noch meine erste schwule Liebe fand und mit ihr zusammenkam. Das bedeutete für mich noch mehr Treffen und noch mehr Lügen gegenüber meinen Eltern. Hier dachte ich, dass ich einen Schlussstrich ziehen musste. Ich kam eines Nachts mitten in der Woche viel zu spät nach Hause und meine Eltern fragten mich, ob den alles in Ordnung sei. Ich hielt sie hin und sagte: „Ich erzähl euch da mal morgen was zu.“ Als ich dann am nächsten Tag aus der Schule kam, wollte meine Mutter nicht mehr warten und drängte mich dazu, zu sagen, was mich belastete bzw. warum ich so spät nach Hause kam, weil sie dachte, es sei etwas Schlimmes passiert. Ich wollte es meinen Eltern eigentlich gemeinsam erzählen, aber so blieb mir keine andere Möglichkeit. Ich also: „Setz’ dich mal da hin.“ Sie guckte irritiert, aber tat es. „Also…ich bin seit 1 Woche nicht mehr solo“, fing ich an. Ein Lächeln trat in ihr Gesicht. „Und die Person heißt Florian“ (Name geändert), setzte ich fort. Das Lächeln verschwand so rasch, wie es aufgetaucht war. Erst sagte meine Mutter nichts, dann stammelte sie: „Ja…also…mein Gott…warum nicht…“ Dann brach sie in Tränen aus, was bei meiner Mutter aber bei allen auch nur in kleiner Weise emotional bewegenden Dingen der Fall ist. Es breitete sich eine Traurigkeit in ihr aus, aber nicht, wegen meiner Homosexualität an sich, wie sie mir erklärte, sondern wegen all der Sachen, die sich auf mich zukommen sah, die sie ihrem Kind nicht gewünscht hätte. Sie dachte an Diskriminierung, Benachteiligung, Mobbing und all das, woran besorgte Eltern halt denken. Mein Vater fasste die Sache aber sehr locker auf, oder ließ sich zu mindest nichts anderes anmerken. Als ich es ihm sagte, sagte er nur: „Oh“…und schlürfte bedächtig an seinem Kaffee. In den nächsten Tagen gab es immer mal wieder sachliche Gespräche, in denen vor allem meine Mutter ihre Ängste mit mir besprechen wollte. Es fiel mir schwer, aber letztendlich war es gut für unser Verhältnis und jetzt läuft es – vor allem ohne die ganzen Erklärungsnöte und Lügen – besser als zuvor.

Johannes (17 J.)

Er sitzt in ungefähr der Hälfte meiner Kurse. Er ist intelligent und engagiert. Überlegt obendrein. Sieht gut aus. Ist nett und zuvorkommend. Das perfekte Paket, einer dieser Menschen, die von ungefähr allem das Beste abbekommen haben. Zugleich einer dieser Menschen, die für die Tempoindustrie umsatzfördernd sind, weil sich in sie mehr Leute verlieben, als sie Haare auf dem Kopf haben, zusätzlich zu einer sicher nicht unbeträchtlichen Dunkelziffer. Die sie natürlich nicht alle heiraten können.

Neben vielen Tränen kann das auch Teilnahmslosigkeit oder Wut zur Folge haben... ich zumindest war ziemlich durcheinander, als er mir klar gemacht hat, dass er nicht auf Kerle steht. Gut, ein Blick in die Statistiken hätte mir die Wahrscheinlichkeiten deutlich gemacht, aber seit wann ist Liebe rational? Ich auf jeden Fall habe mein Gefühlschaos nicht unter Kontrolle gehabt, war dauernd fertig mit der Welt, aggressiv, wahrscheinlich ziemlich unausstehlich.

Irgendwann habe ich mich dann dazu durchgerungen, mit meiner Mutter darüber zu sprechen. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Sie hat mir gesagt, dass das ja nun wirklich kein Grund sei. Danach hat sie weiter Kartoffeln geschält. Ich wollte schon protestieren, ich hatte mich schließlich grad als schwul geoutet. Da gibt es doch wohl wichtigeres, als Essen zu machen? Aber nein, meine Proteste wurden mit einem Kartoffelschäler und den Worten: "Hilf mal mit, sonst wird das heut nichts mehr" abgewürgt. Ein wenig konsterniert habe ich schließlich Kartoffeln geschält.

Jetzt war es einmal gesagt, jetzt wollte ich bitte auch Feedback haben. Also habe ich mich in meiner Schule einigen wenigen, wohlausgewählten Personen anvertraut. Offenbar nicht wohlausgewählt genug, oder nicht vertraulich genug. Zwei Tage später kommt irgendein Kerl aus unserer Stufe auf dem Schulhof zu mir und fragt: "Ey Johannes, stimmt es, dass du homosexuell bist?" Verdammt. So war das nicht gedacht gewesen. Aber jetzt allen Leuten genug Gerüchte bis zum Abitur und darüber hinaus geben? Also Zähne zusammen beißen, schlucken. Ein etwas zögerliches Ja. "Nein, wie schön. Dann bist du ja der erste... der in unserer Stufe dazu öffentlich dazu steht." Ach, wirklich? Erzähl mir was neues, du Vogel.
Ein wenig nervös war ich in den folgenden Tagen schon. Völlig zu unrecht. Das einzige, was ich überhaupt davon mitbekommen habe, dass es jetzt alle Welt wusste, war, dass verschiedene Mädchen ein gesteigertes Interesse an mir hatten.

Trotz des <Erfolges> habe ich mich nicht überall geoutet... Teilbereiche meiner Familie werden es wohl, wenn überhaupt, mit meinem ersten Freund erfahren. Es muss ja nicht unbedingt immer überall sein. Oder?

Siggi (21 J.)

Eigentlich habe ich mich unfreiwillig geoutet! Meine Mutter hat mal mein Tagebuch gefunden, dass auf meinem Schreibtisch lag. Und auf der allerersten Seite stand: “Tim war heute bei mir, und wir haben uns geküsst“! Meine Mutter hat mich eine Zeit lang nicht darauf angesprochen und so getan, als ob sie von nichts wüsste, aber sie hat mit meinem Vater darüber geredet. Aber dann hat sie sich doch getraut. Es war ihr natürlich auch ein wenig peinlich, immerhin hat sie ja mein privates Tagebuch gelesen. Ich hatte Glück, dass meine Mutter immer gerne GZSZ geschaut hat. Denn zu der Zeit, als sie mein Tagebuch gefunden hatte, flimmerte gerade in schwules Paar durch die Serie, und die fand meine Mutter soooooo süß. Meine Eltern waren nicht sauer oder so, weil ich schwul bin, nur ein wenig traurig, weil ich als einziges Kind nicht für Nachwuchs sorgen kann und sie somit nicht Großeltern werden können. Am Verhältnis zu meinen Eltern hat sich nichts verändert und darüber bin ich sehr froh. Allerdings hat mir mein Vater gesagt, dass er es immer noch ein wenig seltsam findet, wenn er mich mit meinem Freund Sonntags bei Kaffe und Kuchen kuschelnd auf dem Sofa sieht.

Martin (18 J.)

Ich bin in einem richtigen Kaff aufgewachsen und Schwule gab es da überhaupt nicht. Von einem in unserem Dorf wurde vermutet, dass er schwul wäre. Die Leute hatten aber überhaupt keine Ahnung, was schwul ist und haben gedacht, dass jeder Schwule auch direkt Aids haben müsste. Klar, dass ich erst mal nichts gesagt habe.

Meinen ersten Freund habe ich dann auch nicht bei uns sondern in einer größeren Stadt aus der Umgebung kennen gelernt. Einmal habe ich ihm auch richtig viel Geld geliehen und dass hat meine Mutter mitbekommen weil sie in meinem Zimmer herumgeschnüffelt hatte. Sie fragt mich dann, wer er sei und warum ich ihm Geld leihen würde. Ich habe dann viele Ausreden erfunden aber irgendwie hat sie den Braten dann doch gerochen. Als ich ihr offen gestand, dass ich schwul sei, sagte sie nur, dass ich trotzdem ihr Sohn bleiben würde. Aber es hat sie schon getroffen und sie musste weinen und ich gleich mit. Meinem Vater haben wir erst mal nichts gesagt. Ein paar Monate später ging es mir überhaupt nicht gut, weil ich richtig Stress mit dem Exfreund meines Freundes hatte. Er bedrohte mich und hat mein Auto zerkratzt. Als mein Vater dann das kaputte Auto gesehen hat, wollte er natürlich wissen, wie das passiert sei. Er hat sich eigentlich vielmehr über den Ex aufgeregt, als über die Tatsache, dass ich einen Freund habe. Zusammen haben wir dann überlegt, was wir gegen den Ex meines Freundes unternehmen können und das hat uns richtig zusammengeschweißt. Ich bin froh, dass es meine Eltern wissen, da mein Vater kurz danach gestorben ist. Auch bin ich froh, dass ich mich bei uns im Ort geoutet habe. Probleme hatte ich danach nicht. Im Gegenteil. Nach meinem Outing haben es sich noch mehrere Jungs zu ihrem Schwulsein bekannt.

Markus (17 J.)

Ich war mir schon mit 15 recht sicher, dass ich schwul bin. Zur der Zeit habe ich auch viel im Internet gechattet und gesurft. An einem Tag bin ich dann auf die Homepage einer Jugendgruppe für Schwule aus meiner Stadt gestoßen und bin dann nach einer Woche mit meiner besten Freundin, die es schon wusste, in die Gruppe gegangen. Ich war echt total nervös aber im Grunde waren alle dort echt cool. Ich habe mit dem Gruppenleiter gesprochen und ihm erzählt, dass ich es gerne meinen Eltern sagen möchte aber ich keinen Plan habe, wie ich das machen soll. Wir haben an dem Abend echt lange geredet und er hat mir echt gute Tipps gegeben. Auch für meine Eltern habe ich Flyer und Broschüren bekommen, wenn sie sich mit dem Thema noch beschäftigen wollen.

Am nächsten Abend habe ich es dann zu Hause auch gesagt. Wir waren beim Abendbrot und meine Eltern hatten keinen Stress oder Zoff und so.